Der doppelte Bürgermeister
Wenn der Kollege plötzlich Kollege ist...
Im Igersheimer Rathaus genießt Bürgernähe traditionell einen hohen Stellenwert. Seit Anfang Mai treibt die Wohlfühlgemeinde den Servicegedanken aber „auf die Spitze“: Denn wer zum Beispiel in den Sitzungen des Gemeinderates den Blick nach vorn zum Verwaltungstisch schweifen lässt, entdeckt dort gleich zwei Bürgermeister – vollkommen legal, absolut harmonisch und das Resultat einer höchst kuriosen Konstellation.
Da ist zum einen Frank Menikheim, der Anfang 2024 in seine dritte Amtszeit gestartet ist. Und da wäre dann noch Tobias Müller. Selbiger hat bei den Kommunalwahlen im März im benachbarten Bayern den Sprung auf den Chefsessel geschafft und wurde zum ehrenamtlichen Gemeindeoberhaupt von Sonderhofen im Ochsenfurter Gau gewählt, wozu im Übrigen auch noch die Teilorte Sächsenheim und Bolzhausen gehören.
Jetzt könnte man denken: Wer Bürgermeister wird, räumt seinen bisherigen Schreibtisch. Nicht so im Fall von Tobias Müller. Der hat zwar seine Stunden in der Igersheimer Verwaltung reduziert, arbeitet aber weiterhin an drei Tagen die Woche als regulärer Angestellter in seiner Funktion als Bautechniker im Rathaus – und sitzt demzufolge in den Zusammenkünften des Igersheimer Gemeinderates vorn mit am Verwaltungstisch.
Das Ganze führt seit dem 1. Mai gewissermaßen zu einem regelmäßigen Rollenwechsel, der bisweilen höchste Konzentration erfordert. Dienstags und freitags lenkt Tobias Müller die Geschicke seiner rund 900 Seelen zählenden Heimatgemeinde – übrigens weit mehr als ein bloßes Hobby. An den anderen Wochentagen wechselt der Mittvierziger die Perspektive, überquert die Landesgrenze von Bayern nach Baden-Württemberg und wird so wieder zum „ausführenden Teil“ der Igersheimer Verwaltung.
Da fragt man sich doch zwangsläufig: Schaltet das Gehirn an der Landesgrenze automatisch vom bayerischen Kommunalrecht auf die baden-württembergische Gemeindeordnung um? Und wie schafft man es, in Igersheim die Beschlussvorlagen für den Chef vorzubereiten, während man insgeheim vielleicht denkt: „Als Bürgermeisterkollege würde ich da jetzt einen anderen Weg einschlagen …“?
Aber mal ehrlich: Ist es nicht auch beruhigend, zu wissen, immer einen direkt nebenan zu haben, mit dem man spontan über Schlaglöcher, Haushaltspläne oder Feuerwehrfeste philosophieren kann? „Ich bezweifle, dass Schlag- oder Haushaltslöcher geeignete Themen für Philosophie sind. Aber vielleicht bespreche ich das mal mit dem Kollegen Müller bei einem Apfelschorle beim Feuerwehrfest, womöglich sehe ich es dann ganz anders", antwortet Frank Menikheim. Ach ja, das mit dem Schorle kommt erstens schneller und zweitens als man denkt. Denn: „Vom 4. bis 7. September ist bei uns in Sonderhofen Feuerwehrfest“, wirft Amtskollege Müller augenzwinkernd ein, um in diesem Zusammenhang auch auf den „gemeinde-, landkreis- und länderübergreifenden Erfahrungsaustausch“ hinzuweisen, der „so erst ermöglicht wird“.
Ob er seinem Kollegen, der durch die Wahl ein weiteres Mal zum Kollegen wurde, erklären musste, welches sein Stuhl im Rathaus sei, will der FN-Reporter von Frank Menikheim wissen, damit es vor Dienstbeginn nicht zu einer „kommunalpolitischen Reise nach Jerusalem“ kommt? „Dieses Spiel habe ich schon lange nicht mehr gespielt. Ich glaube, zuletzt war das bei einer Skifreizeit in meiner Jugend. Wird mal wieder Zeit… Aber Bürostühle eignen sich dafür ohnehin nicht, die rollen zu leicht weg…“
Für Igersheim indes mutiert das Ganze zu einem „Luxus“. Während in weiten Teilen des Landes über Fachkräftemangel geklagt wird, gibt es hier nämlich die geballte Rathauschef-Kompetenz im Doppelpack. Manche Kommunen suchen ja händeringend nach einem Bürgermeister. Fühlt sich die Situation in Igersheim da vielleicht sogar ein wenig wie „Champions League der Rathäuser“ an? Frank Menikheim muss schmunzeln: „Nein, wir haben ja auch nicht die Mittel, die in der CL zur Verfügung stehen. Aber das ohnehin schon sehr kompetente Team wird so nochmals aufgewertet.“
Das Zusammenspiel am Verwaltungstisch funktioniert jedenfalls reibungslos – und liefert reichlich Stoff zum Schmunzeln. Und eines ist sicher: Sollte Chef-Bürgermeister Frank Menikheim doch mal eine schöpferische Pause benötigen, säße die kompetente Vertretung in Person von Tobias Müller direkt daneben – und der könnte dann vorübergehend übernehmen…
Text + Bild: Klaus T. Mende
